Samstag, August 27, 2005

Stadtpest

Stellen sie sich eine norddeutsche Kleinstadt vor, die aus lauter Langeweile umkommt. Natürlich muß man da etwas tun. Die fünfte Jahreszeit, ein Stadtfest muß her.

Ein soziales Regulativ, bei dem man kräftig die Sau durch die älteste Fußgängerzone der nördlichen Hemisphäre treiben kann. Im Angesicht des gröhlenden, mit nicht mehr ganz so Neuer Deutscher Welle bestens unterhaltener Haufens bekommt man die ungefähre Vorstellung einer beliebigen Reichsparteitags-Aftershowparty.

Auf Volksfesten offenbart er sich, der defizitäre Zustand der Gattung Mensch. Tendenziell unausgelastet brechen sich archaische Gelüste Bahn, am Ende des Abends gerne auch oral. Zwischen Human-Tsunamis und marodierenden Vorstadthiphoppern wird die komplette Aufklärung Lüge gestraft und mit Schunkelmusik beerdigt.

Diese "Viertes Reich mit Anfassen"-Atmosphäre eines Volks ohne Traum zwischen komplettem Kontrollverlust und ungehemmter Aggression macht Spaß wie ein zünftiger Bürgerkrieg. Alle sind sie da: die ansonsten farblose Sekretärin mit Oliba-Manni, der hormonell unterforderte 16 Jährige nebst Gang und der Ballonseidenüberzeugungstäter. Und alle feiern sie eine eine Riesensause apokalyptischen Ausmaßes. Man ist direkt froh, daß dem Schußwaffenbesitz hierzulande enge Grenzen gesetzt sind.

In dieser Szenerie, die eines Hieronymus Bosch würdig ist, dürfen auch die Jungsanitäter nicht fehlen. Endlich einmal wichtig, diese armen Opfer eines sich langsam ausprägenden Helfersyndroms. Unbezahlt dürfen sie sich für die Kassen ihrer sozialmafiösen Chefs die Nächte um die Ohren schlagen, konfrontiert mit sämtlichem menschlichen Elend und werden auf dem Schulhof später trotzdem ausgelacht.

Warum sich Pärchen vorrangig solche Kulissen zum Austragen längst überfälliger Grundsatzstreitereien aussuchen bleibt ein Rätsel der Anthropologie. Das Isabell eine Schlampe ist wußten wir schon lange, aber das Paul so ein Schwein ist, wer hätte das gedacht.

Überhaupt: ein rätselhafter Ausnahmezustand. Und das alle Jahre wieder. Win-Win-Situationen sehen anders aus.

Donnerstag, August 25, 2005

Par Avion

Das die Post spart, ist nichts Neues. Das das mitunter interessant wird, auch nicht. Das die Sendungen anscheinend aus hochfliegenden Frachtmaschinen direkt beim Empfänger abgeworfen werden, halte ich für sehr innovativ. So spart man die spritintensive Zustellung per Landweg. Und für Air Mail braucht man gar zuzahlen.

Danke Dir, du gelbe Gefahr.

Air Mail?

Mittwoch, August 24, 2005

Wartehalle

Wenn behauptet wird, das Deutschland stagnieren würde, ist das sicherlich viel vorwahliche Panikmache. Das ein wenig beschleunigt werden könnte steht außer Frage.

Einen Großteil meines Arbeitstages verbringe ich mit Warten. Warten auf Informationen, Angebote, Rückrufe und E-Mails. Viele Unternehmen scheinen nicht in der Lage zu sein, zeitnah relevante Informationen zu liefern. Meist ist es die Unkenntnis der Ansprechpartner, oftmals versacken Anfragen in den Firmenhierarchien und im Kompetenzwirrwarr.

Mein relativ neues Mobiltelefon hat ein unangenehmes Eigenleben entwickelt. Ich hätte gerne ein neues, zumindest aber das alte repariert und in der Zwischenzeit ein Leihgerät. Der Service des Mobiltelefondienstes ist schlecht erreichbar, beim dritten Versuch dringe ich durch. Und erfahre, daß man mir nicht weiterhelfen könne. Also maile ich den Servicepartner des Telefonherstellers an und bekomme eine Woche lang keine Antwort. Als ich dort anrufe, bedauert man den Einzelfall (mir ist bekannt, daß besagtes Telefonmodell im Freundes- und Bekanntenkreis verbreitet und nicht gerade zuverlässig ist) und teilt mir mit, daß ich das Gerät einschicken sollte. Ein Ersatzgerät könne man leider nicht zur Verfügung stellen, ich sollte mich an den Mobilfunkanbieter wenden, was aber erfahrungsgemäß wohl aussichtslos sei. Danke. Ich benutze mein Mobiltelefon natürlich nicht zum telefonieren, sondern nur um mir täglich verrückte Frösche und besoffene Elche zu besorgen. Ein paar Tage später -mein Mobiltelefon klingelt nicht mehr, sondern informiert mich mittlerweile per SMS über nicht durchgestellte Anrufe, also alle- platzt mir der Arsch und ich sage dem Mobilfunkanbieter Kapitel und Vers auf. In den nächsten Tagen wird das Gerät an der Haustür getauscht werden. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Für die Anpassung einer Webseite benötige ich wesentliche Informationen über Bemaßungen und Dateiformate. Mein Anruf erreicht nach mehreren Weiterleitungen einen sichtlich überforderten Admin, der verspricht, mir alles einmal asap herüberzumailen. Warten auf Godot. Der Job ist bekannterweise dringend, für die Antwort hat man alle Zeit der Welt. Meine E-Mail-Erinnerung kommt wahrscheinlich irgendwo an, nur nicht da, wo sie soll und hat keinen Effekt. Die Antwort kommt fünf Stunden später. Die Zeit erklärt sich, weil man ein zweiseitiges Fax einscannen mußte.

An einem Donnerstag habe ich bei einer Druckerei die unscheinbare Menge von 10.000 Flyern abgeholt, die ich mangels entgegenkommender Paketdienste dann eigenhändig zur Post schaffen konnte. Für den Spottpreis von €126 sicherte man mir dann die Lieferung am nächsten Werktag zu. Am folgenden Dienstag erkundigt sich die Druckerei -die Flyer sind als Beilage für eine Zeitschrift bestimmt- nach deren Verbleib. Alarm. Mittwochs, nach sechs Tagen, hat es die Post geschafft, die Pakete anscheinend per Maultierkarawane von Norddeutschland nach Würzburg zu bewegen. Laut Aussage des Empfängers können auch fast alle Flyer verwendet werden.

Für einen Kunden benötige ich eine Fahrzeugbeschriftung. Über das Kontaktformular der Herstellerwebseite schicke ich eine entsprechende Anfrage. Drei Tage später rufe ich dort an um mich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen. Man ist nicht wirklich begeistert von meinem Ansinnen einen Auftrag zu erteilen, nach den genervten Reaktionen der Gesprächspartnerinnen zu urteilen. Meine Bitte, mir eine funktionierende Emailadresse mitzuteilen wird dennoch erfüllt.

And so it goes, ad nauseam. Morgen kommt der neue Houllebecq, wenigstens ein Lichtblick.

german angst pt.2

Sonntag, August 21, 2005

Icke, Bolle und die Salamandroids live in Berlin

Ein Wochenende Berlin bitte sehr: mein Bruder schenkte mir eine Fahrt dorthin und den Besuch des Konzertes seiner Band.

Salamandroids reisen 1. Klasse.

Das Konzert der Salamandroids war nicht ausreichend beworben. So verirrten sich nur 40 Leute in den Magnet Club. Was man angesichts des dämlichen Türstehers und der sozial unterbelichteten "Bedienung" auch verstehen kann. Die Show hingegen war höchst unterhaltsam, die Musik wie immer ganz weit vorne und das Hintergrundvideo eine chinesische Godzilla-Kopie namens "Yongari" aus den siebziger Jahren. Was kann da schiefgehen? Dachte sich auch der junge Hiphopper, der spontan zum freestylen auf der Bühne herumturnte.

Die Salamandroids und der unbekannte MC

Es ist schön zu sehen, wie zwei Jungs mit minimalen Mitteln derart rocken und unterhalten. Man muß und kann es kaum in Worte fassen, was bleibt, ist ein Konzerterlebnis der Extraklasse und ziemlich einzigartig. Keine Spur von nerdiger Laptopfrickelei, stattdessen tonnenweise Spaß und fette Beats.

Das übersättigte Publikum in seiner ihm eigenen Langeweile ging währenddessen noch woanders hin um sich dort selbst anzuöden. Sehr zum Vergnügen des auflegenden DJs, der Zeit hatte, für sich selbst mixen zu üben. Der Club sah es auch nicht als erforderlich an, das Equipment um wesentliche Elemente zu vervollständigen, was sicherlich auch für die liebevolle Sympathie gegenüber eigenen Veranstaltungen spricht. Und hochprofessionellem Arbeiten. Warum sollte man es auch honorieren, daß sich erst eine Band mit Instrumenten und dann ein DJ mit 3 Plattentaschen auf den Weg machen um sich den Arsch abzurocken. Das ist schließlich eine Selbstverständlichkeit.

Die Salamandroids: nicht nur optisch ein Erlebnis

Den Samstag haben wir ruhig angegangen um dann in Richtung Friedrichshain und Castingallee aufzubrechen, Platten kaufen. Das kann man dann ja recht gut. Mein neuer Lieblingsplattenladen ist "Station B", anscheinend benannt nach der Landeskrankenhausstation, in der das dort beschäftigte alte Männlein ein amtsärztlich angewiesenes Anti-Aggressions-Training erfolgreich abgebrochen hatte. Nicht, daß ich nicht gewarnt wurde, daß man dort etwas anders und dem Berliner Spitzenservice einen weiteren Stern hinzufügen würde. Aber mal ganz ehrlich: wären sie nicht genervt, wenn sie sich Platten mit fester Kaufansicht anhören und ein offensichtlich Derangierter ihnen erklären will, was Platten sind und wie ein Schallplattenspieler funktioniert? Und das in diesem ekligen Berliner Sing-Sang á la "Du darfst nich uff dat Vinüül mit die Finga fassn." Eben. Man ist ja einiges gewohnt. Es gefiel ihm nicht, der sich wie ein debiler Schießhund neben mich postiert hatte um seine entzündeten Argusaugen wachen zu lassen, wie ich dann meine Platte in die Hülle zurücksteckte um zur Kasse zu gehen. Er riß er sie mir aus der Hand und wies mir rhethorisch ausgefeilt den Weg zum Ausgang. Das ist Service und Zuvorkommnis, wie ich sie in Berlin erwarte. Frei nach dem Motto "Wir brauchen keine Kunden, wir genügen uns nämlich selbst". Da die sich in meiner Begleitung befindlichen zwei DJs mir ähnliches zu berichten wußten und den Laden nach Erblicken des Männleins schon gar nicht nicht betreten hatten, frage ich mich ernsthaft der finanziellen Grundlage dieses florierenden Dienstleistungsbetriebes.

Bei Oye-Records dann relaxtes Durchhören netter Scheiben. Der Rest des Tages bestand aus Gewitter, Entspannung und "Swingers". Die Nacht gehörte dem Lovelite, einem Schuppen an der Simplonstraße. Tendenziell bgewrackt, tanzen mit Hunden und auch hier freestylende Hiphopper, die dem Ganzen ein Flair á la JUZ Rastede verliehen. Auf dem Nebenfloor zwei reizende DJanes mit knarzigem Techno, der gut nach vorne ging und mindestens kopfnicken ließ. Diese Party hatte leider null Flair und machte eher den Eindruck eines Asyls für kulturell obdachlose Mittzwanziger. Schade, habe ich doch von diesem Laden eher Gutes gehört. Wenigstens konnte einer der Türsteher, die sich zwar von den üblichen Zwei-Meter-Testosteronbullen aus der Fitnessbude durch ein zivilisiertes Äußeres unterschieden, aber ansonsten eher nicht zu den Schöngeistern zählen, einen "Schönen Abend" wünschen. Auch die Bedienung war der Sprache mächtig und konnte auch einige Höflichkeitsfloskeln, die nicht unbedingt gekünstelt erschienen.

Alles in allem hinterläßt mich auch dieser Berlinbesuch mit demselben Gefühl wie immer. Einerseits Angefixtheit wegen der brodelnden Atmosphäre, andererseits Enttäuschung über die allgemeine Lieblosigkeit und Übersättigung sich selbst überschätzender Pseudohipster.

Der Himmel über Berlin war auch schon mal schöner

Salamandroids