Samstag, September 03, 2005

A touch of Weimar

Der Sommer hatte ein Einsehen und kam für einige Tage wieder zurück. Mein Rasierer hatte leider keines und verabschiedete sich unerwartet auf Nimmerwiedersehen. Zwei Dinge, die in keinem kausalen Verhältnis zueinander stehen, aber eine halbgute Einleitung sind.

Einen neuen Rasierer zu besorgen war also die Samstagsaufgabe. Nahrungsmittel wollten ebenfalls beschafft sein, also bot sich ein Gang in die Innenstadt an. Mir war bewußt, daß ein NPD-Aufmarsch stattfinden sollte, es nahm aber keinen großen Raum ein in meiner Tagesplanung.

Die NPD kündigt in ihren Demonstrationsanmeldungen immer mindestens 20.000 Kameraden an, von denen dann tatsächlich auch 100 erscheinen. Die üblichen Gegendemonstranten erscheinen dann meist in 20facher Stärke. Das dachte sich auch die Stadt Oldenburg und forderte Hundertschaft um Hundertschaft an.

Nun mußte ich eine halbe Stunde an einer beidseitig gesperrten Straße vor einer Kette bedrohlich aufgerüsteter Polizisten warten, bis man mir den Gang zum Elektronikdiscounter gestattete. Hier fotografierte ein junger Mann die fremde Szenerie, die Straßenzüge voller Mannschaftswagen, geschäftig auf und ab joggender Hundertschaften und den kreisenden Hubschrauber. Bei den Einsatzwagen mit dem "L"-Kennzeichen blieb er stehen und fragte die dortigen Polizisten, was denn das "L" bedeuten würde und bekam "Leipzig" als Antwort. "Da kommen die Nazis doch auch alle her"- trotzdem durfte er in voller Gesundheit weiterfotografieren. Die Leipzischer Vopos hatten ihre Wagen schön mit Sachsenfahnen geschmückt, was doch einen recht seltsamen Eindruck hinterließ.

Jetzt war auch meine im allgemeinen eher eingeschlafene Neugierde geweckt und ich ging weiter Richtung Innenstadt. Nach drei Polizeischleusen auf 100 Metern durfte ich das Nirvana des Samstagseinkaufes betreten und traf dort meinen Bruder, der zufälligerweise just vorher beim selben Discounter war. Wir genossen das schöne Wetter auf dem Schloßplatz bei einer Tasse frischem Bohnenkaffee und dem anheimelnden Chill-Out-Sound des in geringer Höhe darüber kreisenden Hubschraubers. Man kennt sowas ja nicht mehr, seitdem die Demokratie halbwegs wieder eingeführt ist. Besatzungszustand light und live.

Zuschauen macht müde, wir hatten keine Lust mehr und gingen Richtung Heimat. Zumindest versuchten wir das. Wir versuchten, an drei unterschiedlichen Enden die Innenstadt zu verlassen. An allen Stellen stand von Mal zu Mal immer weniger überraschend eine Polizeikette und forderte zum Umdrehen auf. Man hatte kurzfristig die gesamte Innenstadt, die in Oldenburg ja einer Insel gleich in der Stadtmitte liegt, abgesperrt. Die örtlichen Gastronomen und die Polizei müssen einen Deal gehabt haben, wie sonst erklärt sich, daß sie jedes Mal anregten, man könne ja noch einen Kaffee trinken gehen. Wovor hatte man Angst? Das genervte ammerländer Weibchen mit Hilfe ihrer prallgefüllten Zaratüten das Dobbenviertel verwüsten, assistiert durch ihre den mentalen Melkschemel tragenden Fokkos?

Von den Demonstrationen haben wir nichts gesehen außer Polizei. Und einigen bienenfleißig betarnhosten Jungpunkern, die ständig quer durch die Straßen rannten auf der Suche nach ein "paar Glatzen zum Aufklatschen", wie einer der Saubermänner treuherzig versicherte. Nicht, daß ich dem Wirrglauben verfallen würde, daß meine Bürgerrechte das Papier wert wären, auf dem sie gedruckt sind. Von daher ein Dank an den besonnenen Einsatz der Grünhelme, schließlich hätten sie auch gefahrenabwehrend alles niederknüppeln können, was ihnen vor die Rüstung läuft.

Nun fragt man sich ja, wieso in einer Stadt wie Oldenburg eine Partei wie die NPD an einem Samstag quasi die gesamte Innenstadt zur Verfügung gestellt bekommt um ihre absurden Parolen zum Besten zu geben. In anderen Kleinstädten wie Berlin oder Hamburg schafft man es doch schließlich auch, solche Aufzüge an die Peripherie oder in die Pampa zu verbannen oder gleich unter Sicherheitsaspekten zu untersagen. In Oldenburg werden Versammlungs- und Meinungsfreiheit noch ganz groß geschrieben. Das ist eine gute Eigenwerbung. "Egal, was sie an Abseitigem zu sagen haben, wir bestellen ihnen auch noch ein 3000-Mann starkes Aufgebot. Wann passt es ihnen denn?"

War doch gar nicht so schlimm. Ich habe keine Rechtsextremen gesehen, durfte der Wirtschaft durch meine Frustkäufe wieder ein Stück mehr auf die Beine helfen und habe keine Schläge kassiert. Darüber bin ich froh, was verlangt man mehr für einen Nachmittag im Ausnahmezustand? Man ist es ja gewohnt, daß der Staat nur durch geldfordernde Drohbriefe oder uniformierte Schlagstockträger mit einem kommuniziert. Mein Sicherheitsgefühl steigt durch die Präsenz einiger Hundertschaften Robocops nicht unbedingt, ganz im Gegenteil. Entertainment der anderen Art und die beunruhigende Gewißheit, daß ich zwei Rollen innehabe: die als Melkkuh und wahlweise den als Störfaktor.

Endlich mal was los im Leben.