Freitag, September 30, 2005

Notizen aus der Krampfzone, Teil 1

Schlechte Laune im ÖPNV: Samstag, 24.09.2005

(...)Eine Reihe weiter haben es sich drei Pfadfinder bequem gemacht. Es müssen Pfadfinder sein, wer sonst außer Neonazis schleppt schon Fackeln und Schlafsäcke mit sich herum? Einer entledigt sich seiner lächerlichen braunen Fahrtenjacke und läßt ein bemerkenswert häßliches Feinrippunterhemd sehen. Dann holen sie das unvermeidliche Sixpack heraus und werden von nun an jede Minute die Bierflaschen aneinander klirren lassen, weil sie wahrscheinlich Wotans Geburtstag oder ihre beglückwünschenswerte Existenz feiern. Sie benehmen sich wie junge Barbaren und sehen auch so aus. Hätten sie keine langen Haare und trotz der Dunkelheit von Porsche und einem anderen Jahrzehnt abgekupferte Sonnenbrillen auf, was ihnen wohl den Hauch von Coolness verleihen soll, der Pfadfindern gemeinhin fehlt, man könnte sie tatsächlich für Neonazis halten, so sehr benehmen sie sich daneben.

Aber auch das gehr vorbei. In Oldenburg umsteigen in einen Regionalexpress, der erstaunlicherweise direkt nach Bremen durchfährt. Im Regelfall darf man von Oldenburg in der Regionalbahn nach Hude, einem verschissenen Nest in einer mir namentlich unbekannten Ödnis, fahren und dort einen Regionalexpress aus Nordenham (auch ein städtebauliches Drama, welches mir nur aus Horrorgeschichten bekannt ist) Richtung Bremen besteigen. Dieses Wunder der modernen Verkehrslogistik ist dringend empfehlenswert. Damit Sie später nach ihrem hoffentlich ebenfalls beschissenen Leben wenigstens sagen können, daß Sie einmal die häßlichsten Provinzstädte Nordwestdeutschlands anhand ihres Bahnhofs kennen- und liebengelernt haben.

Der Großraumwaggon ist gefüllt mit der jungen Blüte Rußlands. Höchstens dreizehnjährige Schlampen, die auf Nutte machen und lautstark ihrem Aufenthalt im goldenen Westen nachweinen. Die männliche Begleitung ebenfalls dreizehnjährig, Protozuhälter, jeder mit Kopfhörern und dem dumpfen Aussehen brutaler Schläger. Ihre Zukunft wird höchstwahrscheinlich in einer slawischen Spezialarmee mit Tötungsauftrag zuungunsten irgendeiner vergessenen, vollbarttragenden Minderheit liegen, während sich ihre Ehefrauen den Emporkömmlingen und Beamten prostituieren müssen, damit sie während des Krieges nicht vollends vor die Hunde gehen. Herrlich. Ihre Gastfamilien verabschieden sie mit Wunderkerzen, auf das sie noch einmal das Licht sehen, bis sie in ihr eigenes verschissenes dunkles Land zurückkehren, welchem meines immer ähnlicher wird.

Am Bremer Hauptbahnhof Kohorten hochgerüsteter Bullen und in gleiche Farben gehüllte Fußballfans. Die Atmosphäre ist angespannt, hier wird es sicherlich noch eine schöne Sause geben. Der Humus der Zivilisation ist dünn und wird immer mehr verweht. Vor allem am Wochende, wenn der schützende Käfig der Erwerbsarbeit für 48 Stunden verlassen werden kann. Alkohol plus Gewalt plus archaische Riten (Fußball ist des Mannes wichtigstes Ventil seitdem die NSDAP verboten ist): ein ganz normaler Samstagabend.

Der letzte Zug nach Hamburg ist mäßig gefüllt, auch hier ein paar blonde Weibchen mit Zuhälter. Wahrscheinlich sind sie auf dem Weg in eine der großen Bumsdiskos an den Peripherien der restlichen urbanen Zivilisation mit Trancetchno und Münzmallorca-erprobten Bauernlümmeln. Irgendein DJ Danny wird Dreamdance-CDs so geschickt wechseln, daß es so aussieht, als würde er selber auflegen. Dazu werden sich die debilen Gäste mit Arbeitern und Saurem vollaufen lassen und sich später am Sonnatg kotzend mit blutiger Nase in ihren billigen Fichteimitatbetten wiederfinden um festzustellen, daß sie schon wieder einen lebensrettenden Frühschoppen der freiwilligen Feuerwehr versäumt haben. Der Tag ist dann im Eimer, weil man mit dem Kopf und dem Tattrig nicht mal vernünftig seinen Golf II tieferlegen kann.

Neben mir sitzt eine verwelkte Alte Typ Ökogemüsekorb-Abonnent und liest in einer Zeitschrift Artikel über Familienstammbaumarbeit und systembezogene Einzelarbeit.

Erstaunlich, daß im Zusammenhang mit obskuren Psychotechniken immer das Wort Arbeit fällt. Als wenn da jemand für sein guruhaftes Arschlochtum arbeiten würde. Irgendwo zwischen Allgemeinplatz und Psychosekte werden die hoffnungslosen Akademikerinnen vollends in den Wahnsinn therapiert und verplempern ihr schönes C4-Gehalt an schwarzarbeitende Medien, die den Bogen irgendwie raus haben. Kein Arbeitseinsatz, maximale Macht und ein schönes Einkommen. Irgendwann machen sie sich aus dem Staub und gründen Kommunen auf spanischen Inseln, wo ihnen verstörte Blondinen den Schwanz zur karmischen Reinigung lutschen.

Es stinkt nach Lavendel. Mir ist immer noch schlecht von dem beschissenen Fertigfraß, ein Zustand, der durch das kbA-Deo der Jutetrulla noch verstärkt wird. Ihr bezauberndes Odeur vermischt sich mit der Bierlache auf dem Boden und dem Gestank der defekten Zugtoilette zu einem Dufte Marke Luftkurort. Man kann Zugfahrten nur lieben.

In Hamburg angelangt stolpere ich aus dem Zug und habe die Fresse so richtig voll. Noch eine kurze Fahrt mit der S-Bahn ohne Cracknigger, was mich etwas versöhnlicher stimmt. An der Holstenstraße steige ich aus. Im Musicaltheater ist gerade die Vorstellung irgendeines beschissenen Musicals zu Ende und die dumpfe Herde der Zuschauenden wird aus dem abstoßend modernen Gebäude, das bestimmt ein schwuler Architekt gebaut hat, getrieben. Hoffentlich durch Elektroschocks, mit denen man auch die Schweineherden zum Keulen treibt. Anders haben es diese kulturfernen Horden, die ein Musical für Kultur und insgesamt einen schönen Abend halten, nicht verdient. Sie können froh sein, daß sie nicht mit dem Kauf der Eintrittskarte zwangsentmündigt werden, in diesem Land darf man ja alles.