Sonntag, August 21, 2005

Icke, Bolle und die Salamandroids live in Berlin

Ein Wochenende Berlin bitte sehr: mein Bruder schenkte mir eine Fahrt dorthin und den Besuch des Konzertes seiner Band.

Salamandroids reisen 1. Klasse.

Das Konzert der Salamandroids war nicht ausreichend beworben. So verirrten sich nur 40 Leute in den Magnet Club. Was man angesichts des dämlichen Türstehers und der sozial unterbelichteten "Bedienung" auch verstehen kann. Die Show hingegen war höchst unterhaltsam, die Musik wie immer ganz weit vorne und das Hintergrundvideo eine chinesische Godzilla-Kopie namens "Yongari" aus den siebziger Jahren. Was kann da schiefgehen? Dachte sich auch der junge Hiphopper, der spontan zum freestylen auf der Bühne herumturnte.

Die Salamandroids und der unbekannte MC

Es ist schön zu sehen, wie zwei Jungs mit minimalen Mitteln derart rocken und unterhalten. Man muß und kann es kaum in Worte fassen, was bleibt, ist ein Konzerterlebnis der Extraklasse und ziemlich einzigartig. Keine Spur von nerdiger Laptopfrickelei, stattdessen tonnenweise Spaß und fette Beats.

Das übersättigte Publikum in seiner ihm eigenen Langeweile ging währenddessen noch woanders hin um sich dort selbst anzuöden. Sehr zum Vergnügen des auflegenden DJs, der Zeit hatte, für sich selbst mixen zu üben. Der Club sah es auch nicht als erforderlich an, das Equipment um wesentliche Elemente zu vervollständigen, was sicherlich auch für die liebevolle Sympathie gegenüber eigenen Veranstaltungen spricht. Und hochprofessionellem Arbeiten. Warum sollte man es auch honorieren, daß sich erst eine Band mit Instrumenten und dann ein DJ mit 3 Plattentaschen auf den Weg machen um sich den Arsch abzurocken. Das ist schließlich eine Selbstverständlichkeit.

Die Salamandroids: nicht nur optisch ein Erlebnis

Den Samstag haben wir ruhig angegangen um dann in Richtung Friedrichshain und Castingallee aufzubrechen, Platten kaufen. Das kann man dann ja recht gut. Mein neuer Lieblingsplattenladen ist "Station B", anscheinend benannt nach der Landeskrankenhausstation, in der das dort beschäftigte alte Männlein ein amtsärztlich angewiesenes Anti-Aggressions-Training erfolgreich abgebrochen hatte. Nicht, daß ich nicht gewarnt wurde, daß man dort etwas anders und dem Berliner Spitzenservice einen weiteren Stern hinzufügen würde. Aber mal ganz ehrlich: wären sie nicht genervt, wenn sie sich Platten mit fester Kaufansicht anhören und ein offensichtlich Derangierter ihnen erklären will, was Platten sind und wie ein Schallplattenspieler funktioniert? Und das in diesem ekligen Berliner Sing-Sang á la "Du darfst nich uff dat Vinüül mit die Finga fassn." Eben. Man ist ja einiges gewohnt. Es gefiel ihm nicht, der sich wie ein debiler Schießhund neben mich postiert hatte um seine entzündeten Argusaugen wachen zu lassen, wie ich dann meine Platte in die Hülle zurücksteckte um zur Kasse zu gehen. Er riß er sie mir aus der Hand und wies mir rhethorisch ausgefeilt den Weg zum Ausgang. Das ist Service und Zuvorkommnis, wie ich sie in Berlin erwarte. Frei nach dem Motto "Wir brauchen keine Kunden, wir genügen uns nämlich selbst". Da die sich in meiner Begleitung befindlichen zwei DJs mir ähnliches zu berichten wußten und den Laden nach Erblicken des Männleins schon gar nicht nicht betreten hatten, frage ich mich ernsthaft der finanziellen Grundlage dieses florierenden Dienstleistungsbetriebes.

Bei Oye-Records dann relaxtes Durchhören netter Scheiben. Der Rest des Tages bestand aus Gewitter, Entspannung und "Swingers". Die Nacht gehörte dem Lovelite, einem Schuppen an der Simplonstraße. Tendenziell bgewrackt, tanzen mit Hunden und auch hier freestylende Hiphopper, die dem Ganzen ein Flair á la JUZ Rastede verliehen. Auf dem Nebenfloor zwei reizende DJanes mit knarzigem Techno, der gut nach vorne ging und mindestens kopfnicken ließ. Diese Party hatte leider null Flair und machte eher den Eindruck eines Asyls für kulturell obdachlose Mittzwanziger. Schade, habe ich doch von diesem Laden eher Gutes gehört. Wenigstens konnte einer der Türsteher, die sich zwar von den üblichen Zwei-Meter-Testosteronbullen aus der Fitnessbude durch ein zivilisiertes Äußeres unterschieden, aber ansonsten eher nicht zu den Schöngeistern zählen, einen "Schönen Abend" wünschen. Auch die Bedienung war der Sprache mächtig und konnte auch einige Höflichkeitsfloskeln, die nicht unbedingt gekünstelt erschienen.

Alles in allem hinterläßt mich auch dieser Berlinbesuch mit demselben Gefühl wie immer. Einerseits Angefixtheit wegen der brodelnden Atmosphäre, andererseits Enttäuschung über die allgemeine Lieblosigkeit und Übersättigung sich selbst überschätzender Pseudohipster.

Der Himmel über Berlin war auch schon mal schöner

Salamandroids